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Haben Sie heute schon gelobt?

Haben Sie heute schon gelobt?

Bruno Kreisky soll einmal zu einem Journalisten gesagt haben: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel Lob ich aushalte.“ Das zeigt schon, wie wenig er davon bekommen hat. Und das hat sich seit Kreisky nicht geändert.

Man hat den Eindruck, Politiker gehören zu den in der Öffentlichkeit  am meisten kritisierten Personen überhaupt. Wer Zeitung liest, kann zwar dort oder da durchaus positive Berichte entdecken – auf der Wirtschaftsseite werden tolle Unternehmensleistungen durchaus anerkennend dargestellt, in der Chronik steht der Mann der den Krebs bewältigt als Held da, auf der Kulturseite werden Schauspielern und Regisseuren auch immer wieder einmal Rosen gestreut. Wo man Lob mit der Lupe suchen muss und es dennoch nicht findet, das sind die Politikseiten.

Applaus für gute Ideen

Nun könnte man sagen, das sei ein Abbild der Realität. Da oben säßen eben lauter unfähige Taktierer und korrupte Nehmer. Wenn das so wäre, dann müssten wenigstens die Vorschläge der Opposition zum Glänzen kommen. Aber nein, Lob findet auch hier nicht statt. Im Gegenteil. Hat einer eine Idee, einen Vorschlag, ein Konzept – dann werden garantiert drei andere dazu befragt, die kein gutes Haar an der Sache lassen. Und damit hat man scheinbar der Ausgewogenheit Rechnung getragen. Was bleibt, ist allerdings ein desaströses Bild der Politik. Dabei ist die höchste Kunst in der Kommunikation ein ehrliches Lob. Um etwas positiv beurteilen zu können, muss ich mich nämlich in die Überlegungen und Argumente des anderen Hineindenken. Das heißt nicht, kritiklos alles über den grünen Klee zu streicheln. Das heißt aber, Chancen zu erkennen und sie nicht im Keim zu ersticken.

Heuer haben wir ein ereignisreiches Wahljahr vor uns  – da gibt’s jede Menge Gelegenheit, Politiker nach ihren Visionen zu fragen, nach ihren Ideen für eine gute Zukunft. Vermutlich werden wir aber mehr darüber lesen, wie sich die Damen und Herren Politiker gegenüber den Anwürfen der jeweils anderen rechtfertigen. Dabei könnte Anerkennung so viel positives Bewirken – Motivation, weiter über ein Thema nachzudenken; Impuls für die Entscheidung, überhaupt in die Politik zu gehen. Und nebenbei wäre gelegentliches öffentliches Lob auch für Politiker die beste Burn-Out Prophylaxe.

Experten für Katastrophen aller Art

Aber ganz ehrlich – nicht nur Politiker leiden unter der permanenten Negativberichterstattung. Auch wir Leser werden dadurch nicht gesünder. Es gibt ja für uns obendrauf noch reichlich Katastrophenmeldungen und Kriegsberichterstattung. Mit einer Pseudo-Genauigkeit werden tagelang schlimmste Verbrechen geschildert. Das schlägt sich aufs Gemüt. – Und irgendwann fragt man sich: Wieso soll ich dafür zahlen, dass es mir täglich schlecht geht beim Zeitunglesen?

Ein bisserl mehr Balance in der Politikberichterstattung zwischen berechtigt kritischer Information und der Anerkennung dessen, was Menschen in diesem Job an Positivem leisten, würde uns im neuen Jahr ganz gut tun.

Foto: cirquedesprit.fotolia.com

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