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Empathie im Journalismus?

Empathie im Journalismus?

„Wir müssen die Realität abbilden“ – so erklärt eine ORF-Moderatorin bei einer Veranstaltung. Das ist eine nicht von der Hand zu weisende Aussage. Die ZIB-Redaktion produziert Nachrichten für die breite Masse. Dass man da in leicht verständlicher Sprache oft komplizierte politische Sachverhalte vereinfacht und verkürzt darstellen und möglichst ohne Versprecher über den Bildschirm bringen muss, ist sicher nicht leicht. Die Nachrichten zu formulieren und zu sprechen und dabei auch noch adrett auszusehen, ist aber nicht die große journalistische Kunst. Das können Schauspieler/innen auch.

Die Themenauswahl und die Gewichtung sind dagegen die eigentliche und entscheidende  journalistische Aufgabe, die eine Redaktion zu bewältigen hat. Denn die Realität ist äußerst vielfältig. An allen Ecken und Enden der globalisierten Welt passieren dramatische Ereignisse – Katastrophen, politische Fehlentscheidungen, menschliches Leid.

Was also in den wenigen Minuten einer ZiB-Sendung tatsächlich abgebildet  und wie viel Aufmerksamkeit einem Thema gewidmet wird – durch recherchierte Berichte, durch Bilder, durch Interviews – das entscheidet die Redaktion. Sie „macht“ also gewissermaßen für uns Medienkonsumenten erst die Realitität, die wir wahrnehmen.

Ob mehrere Minuten lang über die Vorwahl-Shows der US-Amerikaner gesendet werden, oder über die leidvollen Zustände in griechischen Lagern, in denen Migranten und Kriegsflüchtlinge ohne Hoffnung auf eine würdige Zukunft dahinvegetieren, macht einen Unterschied.

Ob nach Katastrophenmeldungen im Takt von Zehntelsekunden mit charmanten Lächeln zum nächsten Programmpunkt übergeleitet wird: „Und jetzt zum Sport“, oder ob dem menschlichen Hirn zumindest eine Viertelminute Zeit gelassen wird, die furchtbaren Bilder in sein Herz und sein Hirn zu lassen, macht einen Unterschied.

Ob der ORF den Bundeskanzler volle Unterstützung für Griechenland mit einem „Beitrag mit Polizisten und Polizistinnen“ für den Grenzschutz  argumentieren lässt oder ob hinterfragt wird, was das denn bedeutet, wenn ein Politiker ganz gezielt Kriegsvokabular benutzt und damit jeden – egal ob Flüchtling oder Migrant, egal ob legal oder illegal gestrandet – zum Feind erklärt, den man mit Polizeigewalt abwehren muss, macht einen Unterschied.

Und um diese Unterschiede überhaupt zu spüren – dafür braucht es Empathie und Verantwortung.

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