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Das Interview – ein Kunstprodukt?

Das Interview – ein Kunstprodukt?

Das Interview ist wörtlich übersetzt das Gespräch. Wenn jemand zum Interview gebeten wird, dann heißt das in der Regel, dass sich ein Journalist / eine Journalistin mit der Zielperson treffen möchte. Telefoninterviews oder gar schriftliche Interviews sind zwar heutzutage aus Zeitmangel gängige Arbeitsformen, allerdings geht diesen „Gesprächen“ die ganz eigentümliche Qualität des persönlichen Gespräches verloren – das was man nicht aus Worten, sehr wohl aber aus der Mimik oder aus den Gesten des Gegenübers ablesen kann. Und oft „spricht“ auch die Umgebung, wo das Interview stattfindet, mit.

Als Interview bezeichnen wir aber auch das, was hinterher gedruckt in der Zeitung steht, oder im Radio / Fernsehen zu hören und zu sehen ist. Interviews vor dem Mikrofon haben eine eigene Dynamik und sind Gegenstand meiner Seminare „Interviewtraining“.

Hier soll in weiterer Folge nur vom Interview für die Zeitung die Rede sein. Jeder, der die Möglichkeit hat, Zeitung zu machen – ob beruflich als Journalist oder Mitarbeiter einer Kommunikationsabteilung im Unternehmen oder ehrenamtlich als Zeitungsbeauftragter im Verein – stößt früher oder später auf die Darstellungsform „Interview“.

Drei Phasen des Interviews sind dabei besonders zu beachten:

Phase 1: Die Vorbereitung

Wer in ein Gespräch geht, um seinem Gegenüber Fragen zu stellen, sollte bereits gut über die Person Bescheid wissen. Schließlich gilt es am Anfang des Gespräches das Eis zu brechen und da sind Aufwärmfragen hilfreich, die bereits bei Bekanntem anknüpfen. Auch die Umstände des Treffens können dafür Stichworte liefern: „Wo haben Sie denn heute ihren Hund?“ Je mehr ich weiß, desto gezielter kann ich fragen. Gezielt – das ist das nächste Stichwort. Ein Interviewer sollte nie in ein Gespräch gehen ohne konkretes Ziel: „Was will ich wissen?“.

Phase 2: Das Gespräch

Ein Interview besteht aus Fragen und Antworten. Die Fragen haben einzig die Aufgabe, interessante Antworten hervorzulocken. Sie sind möglichst kurz und präzise. Und sie sind keine Kommentare oder Unterstellungen. Der Interviewer befindet sich allerdings rhetorisch immer in der Gegenposition – er klopft sozusagen stellvertretend für seine Leser alle Wenn und Aber des Themas ab. Sonst läuft er Gefahr zu langweilen.

Phase 3: Das Ergebnis

Praktisch kein Interview wird so veröffentlicht, wie es geführt worden ist. Wolf Schneider, der langjährige Leiter der Hamburger Journalistenschule, der in Österreich viele Jungjournalisten trainiert hat, pflegte zu sagen: „Das Interview ist ein Kunstprodukt“.

Der Journalist darf – ja manchmal muss er sogar – eingreifen und verändern. Er darf die zeitliche Reihenfolge völlig durcheinanderwirbeln und die interessantesten Fragen an den Anfang und an den Schluss platzieren. Er darf die eigenen Fragen straffen und pointierter formulieren, als er das im Gespräch getan hat. Er muss ganz beträchtlich kürzen, um ein eineinhalbstündiges Gespräch auf einer halben Zeitungsseite wiederzugeben. Er muss Wiederholungen und Worthülsen seines Interviewpartners hinauskippen und er muss peinliche sprachliche Hoppalas ausbügeln, wenn er seinen Gesprächspartner nicht öffentlich plamieren möchte.

Bleibt klarerweise die Frage, ob sich der Interviewte so viele Veränderungen gefallen lassen muss. Ja, muss er. Denn die Verantwortung dafür, dass das Interview für die Leser interessant und spannend wird, hat einzig und allein der Journalist. Allerdings steht es Jedem, der zu einem Interview gebeten wurde, frei, sich die niedergeschriebene Version des Gespräches vorlegen zu lassen. Erst wenn der Interviewte den Text freigegeben hat, darf er gedruckt werden. Änderungen sind allerdings nur dort erlaubt, wo wirklich Fehlinterpretationen oder sachliche Fehler (Zahlen) passiert sind. Am Schreibstil sollte der Interviewte nicht rütteln, wenn er es sich mit dem Journalisten nicht dauerhaft verscherzen will.

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